„Wir fühlen uns wie in einem Gefängnis.“ – Über 200 protestieren für die Abschaffung des Lagers Horst

Am vergangenen Sonntag Nachmittag haben über 200 Menschen für die Abschaffung des Erstaufnahme- und Abschiebelagers in Horst bei Boizenburg protestiert und gemeinsam gegen Isolation und Ausgrenzung gefeiert.
Unter den Teilnehmenden waren Menschen aus dem Lager Horst aber auch aus anderen Lagern sowie AntirassistInnen und AntifaschistInnen aus Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Aufgerufen zu der Kundgebung und dem Fest hatten der ASTA der Universität Hamburg sowie antirassistische Gruppen aus Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Ziel war es einerseits gegen die menschenunwürdigen Bedingungen in dem Lager und für eine Abschaffung des Lagers zu protestieren und andererseits vor Ort konkret durch Gespräche, Spielmöglichkeiten und Musik gegen die Isoaltion und Ausgrenzung der dort untergebrachten Menschen anzukämpfen.

Das solche Aktionen der Lagerleitung und auch dem Land Mecklenburg-Vorpommern ein Dorn im Auge sind, zeigte unter anderem die erhöhte Polizeipräsenz an dem Tag. Vor dem Lager und auf dem Gelände des Lagers standen mehrere Polizei-Sixer. Bereits and er Zufahrt zum Lager versuchte die Polizei das Anfahren mit PKWs zu untersagen. Sie drohten außerdem, Autos, die an anderen Stellen widerrechtlich parkten, abschleppen zu lassen. Die Polizeipräsenz führt unter anderem dazu, dass sich Menschen in dem Lager eingeschüchtert fühlen und sich nicht vor das Lager trauen und das solche Aktionen gegen das Lager kriminalisiert werden. Trotz dieser deutlichen Einschüchterungsversuche kamen viele Menschen aus dem Lager raus und zeigten großes Interesse an dem Fest und Kundgebung.

Mit Spiel und Spaß gegen Isolation und Ausgrenzung

Bei den Kindern sorgten unter anderem eine Hüpfburg, Rutschen, Kinderschminken und Straßenkreide für viel Abwechslung und Spaß. Die Älteren vergnügten sich beim Tanzen und beim Kleiderbazar und sprachen mit anderen über ihre Probleme.
An einem Infotisch konnten sich Flüchtlinge über ihre Rechte im Asylverfahren und ihre Rechte in einem Lager wie Horst informieren.

„Wir fühlen uns wie in einem Gefängnis.“

Eine junge Frau und Mutter, die in dem Lager leben muss, beschrieb in einem Redebeitrag die aktuelle Situation in dem Lager:

„Die Bedingungen hier sind unmenschlich. Wir dürfen nicht selbst kochen, nicht einmal Tee mit einem Wasserkocher. Wir werden gezwungen, zu vorgeschriebenen Zeiten in der Kantine immer wieder das Gleiche zu essen. Wir dürfen kein Essen aus der Kantine mit auf die Zimmer nehmen, falls wir später hunger haben. Wenn wir hier zum Arzt gehen, bekommen wir immer nur Schmerztabletten – ganz egal über welche Symptome wir klagen. Überweisungen Fachärzten bekommen wir meist auch nicht. Wir fühlen uns wie in einem Gefängnis. Ich merke nichts von Menschenrechten und Demokratie in Europa.“

Auch in den weiteren Redebeiträgen von verschiedenen antirassistischen Gruppen wurde die Schließung des Lagers und gleiche Rechte für alle gefordert. Anstelle der Lager wurde verlangt, dass Flüchtlinge an selbst gewählten Orten in Wohnungen untergebracht werden.

20 Jahre politisch gewollte Isolation, Ausgrenzung und Diskriminierung von Flüchtlingen in Horst

Das Lager in Horst fungiert als Erstaufnahme- und Abschiebelager für Flüchtlinge aus MV sowie Hamburg. Das liegt in einem Waldstück 6 Kilometer entfernt von Boizenburg. Das gefängnisähnliche Lager wurde nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen ganz bewusst in die Abgeschiedenheit verlegt und existiert dort seit nun mehr 20 Jahren verbannt aus der öffentlichen Wahrnehmung. Das Lager Horst ist ein Sinnbild für institutionellen Rassismus. Die Bedingungen in dem Lager sind nicht mit der Menschenwürde vereinbar. Im dem Lager zu leben bedeutet für die Betroffenen, von fast jeder Infrastruktur abgeschnitten zu sein, systematisch entmündigt und erniedrigt zu werden.

Keine Möglichkeit einer eigenen Verpflegung, eine schlechte und unzureichende medizinische Versorgung, keine Privatsphäre, andauernde Schikanen von Seiten der Angestellten des Lagers, fast keine Beratungsmöglichkeiten über das Asylverfahren und die eigenen Rechte, fehlende Deutschkurse und weitere Beschäftigungsmöglichkeiten machen den Aufenthalt für viele zu einer Tortur und führen nicht selten zu (Re-)Traumatisierungen. Flüchtlinge, die sich interessiert an politischen Aktionen vor dem Lager zeigen, müssen zudem mit Repressionen rechnen, wie es in der Vergangenheit der Fall war. In Horst passiert seit 1993 ganz offensichtlich politisch gewollte Isolation, Ausgrenzung und Diskriminierung von Flüchtlingen.

Mit der Kundgebung und dem Fest wurde versucht, ein Zeichen gegen diese unmenschlichen Zustände setzen. Der Kampf gegen dieses und alle anderen Lager, Isolation und Ausgrenzung wird weiter gehen! Solidarisiert euch mit den Betroffenen, nehmt Kontakt auf und unterstützt sie.

Gleiche Rechte für alle! Lager abschaffen! Abschiebungen stoppen! Residenzpflicht abschaffen!

weitere Bilder hier

Presse

Ostsee-Zeitung vom 12.04.2013: Demo gegen Bedingungen für Flüchtlinge in Horst

Nordmagazin vom 14.04.2013 (ab 6:47)

NDR1 Radio MV vom 14.04.2013 Protest gegen Aufnahmelager Horst

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2 Antworten auf „„Wir fühlen uns wie in einem Gefängnis.“ – Über 200 protestieren für die Abschaffung des Lagers Horst“


  1. 1 FotoArchivKollektiv 30. April 2013 um 0:25 Uhr

    Weiter Fotos sind hier zu sehen:

    http://asb.nadir.org/fotoarchiv/serien/serien.php

    Bekommen könnt ihr die Bilder bei uns im Archiv der Sozialen Bewegungen in der Roten Flora Hamburg jeden Montag zwischen 19 und 21 Uhr.

    euer FotoArchivKollektiv

  1. 1 Tschetschenische Familie bei Abschiebung aus Greifswald getrennt « Kombinat Fortschritt Pingback am 03. März 2014 um 12:53 Uhr
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