Gemeinsam gegen Ausgrenzung, Isolation und AusLAGERung gegenan spielen – Bericht zum antirassistischen Fußballturnier am 17. März 2013 in Greifswald

Am 17. März fand in der Greifswalder Arndt-Sporthalle ein antirassistisches Fußballturnier unter dem Motto „Kick it like Kevin Prince Boateng“ statt. Der Namensgeber des Projekts, Kevin Prince Boateng, setzt sich aktiv gegen Rassismus auf dem Fußballplatz und in der Gesellschaft ein.
Mit dem Hallenfußballturnier wollten AntirassistInnen und AntifaschistInnen gemeinsam mit Flüchtlingen aus den Flüchtlingslagern in Stralsund, Greifswald, Wolgast und Anklam gegen Ausgrenzung, Isolation und AusLAGERung gegenan spielen. Organisiert wurde das Fußballturnier von Stop it! Rassismus bekämpfen, alle Lager abschaffen, der Antirassistischen Initiative Greifswald, der Greifswalder Antifa-Gruppe Defiant und dem IkuWo. Unterstützt wurde das Projekt von der Amadeu Antonio Stiftung.

Mit Spiel, Spaß und Spannung …

Bereits die vielen Anmeldungen zeigten ein deutliches Interesse. Aufgrund des beschränkten Zeitraums von 9 bis 18 Uhr, musste leider im Vorfeld mehreren Teams abgesagt werden, so dass letztlich 24 Teams gegeneinander antraten.
Über 200 Leute fanden sich gut gelaunt und motiviert am Sonntagvormittag vor Ort ein, darunter Flüchtlinge, politische AktivistInnen sowie FreizeitfußballerInnen. An Infotischen konnten sich die BesucherInnen des Turniers über Rassismus, Neonazis und bevorstehende antirassistische und antifaschistische Aktionen in und außerhalb von MV informieren und sich am gemeinschaftlichen Buffet satt essen. Im Laufe des Tages kamen immer wieder Familien und andere Interessierte um bei dem Spektakel dabei zu sein.

Der Anpfiff des Turniers war pünktlich um 10 Uhr. Kreative Teamnamen wie die „Hafensänger“, „Black Wolgast“ oder „Team Milchstraße“ waren auf dem langen Spielplan zu lesen. Das Eisbär-Maskottchen, Musik und nette Gespräche sorgten den ganzen Tag für eine heitere Stimmung.

Nach einer langen und schweißtreibenden Vorrunde in vier Gruppen kamen das Team der Stop it! Kampagne, FC Asyl Anklam, die Hafensänger, Asylkollegen Rostock, das Team der Band Feine Sahne Fischfilet, Refugees Stralsund, Refugees Greisfwald sowie die Kardio Kickers weiter. Sieger wurde in einem spannenden Finale, inklusive Elfmeter-Schießen schließlich das Team der Hafensänger. Den zweiten Platz belegte FC Asyl Anklam. Platz drei ging an das Team „Asylkollegen Rostock“.
Sichtlich erschöpft nach einem langen und spannenden Fußballturnier fuhren die Teams nach Hause oder ins Ikuwo, wo ein warmes Essen und ein weiteres Abendprogramm warteten.

… gegen Isolation und Ausgrenzung

Ziel des antirassistischen Fußballturniers war es, die Isolation von Flüchtlingen aus der Region Ostvorpommern und Vorpommern aufzubrechen und Möglichkeiten zum gegenseitigen Austauschen und Vernetzen zu schaffen. Aufgrund zahlreicher rassistischer Gesetze und Restriktionen werden Flüchtlinge an den Rand der Gesellschaft gedrängt und ausgegrenzt.

Die Zwangsunterbringung in Lagern, lange und ungewiss ausgehende Asylverfahren, meist keine Arbeitserlaubnis oder -möglichkeit, keine Deutschkurse, fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten sowie Ablehnung und Anfeindungen in der Öffentlichkeit, führen bei den Betroffenen zu Isolation, Monotonie, Perspektivlosigkeit bis hin zu psychischen Erkrankungen und im schlimmsten Fall Selbstmord. Diese Situation verschärft sich vor allem in strukturschwachen Regionen und durch die Wintermonate. „Die Idee für ein antirassistisches Fußballturnier kam in einem Gespräch mit Flüchtlingen aus Wolgast im November letzten Jahres, als Neonazis mit einem Fackelmarsch gegen „Asylmissbrauch“ am 9. November 2012, der 74. Jährung der Reichspogromnacht, bis vor das Flüchtlingslager in Wolgast ziehen wollten, erzählt Uljana Petrowitsch, Aktivistin der Stop it! Kampagne. In mehreren Gesprächen wurde deutlich, dass das rassistische Klima einerseits aber auch die Abgeschiedenheit, Perspektivlosigkeit, fehlende Kontakte, und die zahlreichen Verbote den Flüchtlingen tagtäglich das Leben erschweren.

„ … das Lager macht uns krank“

„Ich bin sehr froh über das Fußballturnier. Das Lager macht uns krank“, sagt George*, ein Flüchtling aus Wolgast. Für ihn ist es sehr schwer, in Wolgast zu sein. Er sagt, es sei wie „ein großes Horst“ und meint damit das gefängnisähnliche Erstaufnahme- und Abschiebelager in Horst bei Boizenburg. Er fühlt sich gefangen und er merkt, wie ihn die 5 Monate in Wolgast zermürben. „Nur essen, schlafen und abwarten“ beschreibt der junge Mann, der ursprünglich aus Ghana kommt, seinen Alltag. Er kann nicht verstehen, weshalb in einem demokratisch verstehenden Land die Menschenrechte offensichtlich nicht für Flüchtlinge gelten.

Malik*, ein Flüchtling aus dem Lager in Anklam, der großen sportlichen Ehrgeiz zeigt, findet das Fußballturnier ebenfalls eine gute Idee. Er wirkt dennoch besorgt, deprimiert und traurig. Jeder Tag der über zwei Jahre, in denen er in Anklam lebt, ist sehr schwer für ihn, sagt Malik. Das Lager liegt abgelegen. Kontakte in die Stadt gibt es fast nicht. Viele AnklamerInnen zeigen Malik und den anderen Flüchtlingen, dass sie sie ablehnen. Diese permanente Ablehnung und Ausgrenzung stimmen Malik traurig. Umso mehr begrüßt er das Fußballturnier, um mal raus zu kommen und mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen, die ihn respektieren und akzeptieren.

Von Ausgrenzung und Abgeschiedenheit berichten auch Flüchtlinge aus dem Lager bei Stralsund, das auf der nachgelagerten Insel Dänholm angesiedelt ist. Es handelt sich um ein Containerlager.

Im Winter ist sehr kalt in den Zimmern, sagen sie. In die Stadt zu kommen für Einkäufe, Behörden- und Arzttermine o.ä. sei sehr anstrengend, vor allem für alte, kranke Menschen und Familien. Sie fühlen sich im wahrsten Sinn ausgelagert. Unterstützung bekommen sie nur einmal in zwei Wochen vom PSZ, welches ihnen bei Anträgen und vielen anderen Angelegenheiten beratend zu Seite steht.

Ausklang: 3-Gänge-Menü, Gespräche und Vortrag mit Calais Migrant Solidarity

Im Ikuwo tauschten sich in den Abendstunden bei einem leckeren 3-Gänge-Menü Flüchtlinge untereinander und zusammen mit Interessierten weiter über die Situation in den jeweiligen Lagern und Städten aus. Im Anschluss fand eine Info-Veranstaltung statt, die den Blick auf die Situation von Flüchtlingen raus aus MV und Deutschland nach Calais richtete. AktivistInnen der Gruppe Calais Migrant Solidarity berichteten über den alltäglichen Kampf der Flüchtlinge, die es bis in die Hafenstadt an der Küste Nordfrankreichs. Calais dient als Transitstation für viele Flüchtlinge aus Afghanistan, Irak, Syrien, Sudan, Palästina und weiteren Ländern, die weiter nach Großbritannien wollen. In Calais müssen sie unter extremsten Bedingungen überleben – es gibt keine staatlichen Zuwendungen, dafür umso mehr Repression.

… keep on moving against racism and isolation!

Aufgrund des durchweg positiven Feedbacks von den Teilnehmenden – den Flüchtlingen sowie den interessierten Personen und Teams – hat sich das Antirassistische Fußballturnier als ein geeigneter Weg gezeigt, Spaß zu haben, der Isolation und Ausgrenzung zu begegnen und Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. Schon jetzt gibt es Ideen, an das erfolgreiche Turnier weiter anzuknüpfen. Jene, die überlegen, wie sie bis dahin Flüchtlinge in ihrer Umgebung unterstützen können oder vielleicht regelmäßig gemeinsam Fußball spielen o.ä. wollen, können aber auch schon jetzt aktiv werden. Für diesbezügliche Fragen und mögliche Anlaufpunkte könnt ihr euch gern an uns wenden.

Wir sagen „Refugees are welcome!“, danke an alle, die mitgemacht, vorbereitet und unterstützt haben!

Solidarität mit Flüchtlingen stärken! Gleiche Rechte für alle überall!

* Die Namen wurden zum Schutz der Personen verändert.

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