Nordkurier: Enge kostet Kind vielleicht das Leben

Neubrandenburg. Hossein Razeghis Augen blicken müde und ängstlich in das Zimmer, wo seine Tochter liegt. Der Zustand der Dreijährigen ist weiter „kritisch“ wie der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Dr. Sven Armbrust dem Vater nach der gestrigen Visite mitteilen muss. Am Mittwochmorgen hat Ameneh Aleshloo Someah in dem kleinen Zimmer, das sich die Familie in der Gemeinschaftsunterkunft teilen muss, Wasser für Tee aufgesetzt. Im Schlaf drehte sich die kleine Dina und schlug mit ihrer Hand gegen das Wassergefäß. Ihr Arm, die Brust, die Schulter, beinah der ganze Oberkörper erlitt schwere Verbrennungen. Die Eltern alarmierten sofort den Krankenwagen. Jetzt müssen sie warten und hoffen. „Die äußeren thermischen Verletzungen lösen Entzündungen aus. Alle Organe sind betroffen. Wir müssen sie beobachten“, sagt Armbrust.

Jalal Tahmouri, der auch aus dem Iran kommt und schon gut Deutsch spricht, hilft bei der Übersetzung. Hossein Razeghi wirkt wie gelähmt. Er hat seit 30 Stunden kein Auge zugemacht. „Ich mache mir Vorwürfe“, sagt er. Das Drama sorgt für große Anteilnahme bei den Heimbewohnern. Aber auch kritische Stimmen sind zu vernehmen. „Warum muss eine Familie in einem 20 Quadratmeter großen Zimmer wohnen? Dort schlafen und essen“, fragt Jalal Tahmouri. Auch der Leiter des Asylbewerberheims, Irimie Pencov, ist bestürzt. „So etwas ist noch nicht passiert“, sagt Pencov. Vier Familien leben derzeit jeweils nur in einem Zimmer. Zwei haben ein Bleiberecht bekommen und dürfen aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen. In der Malteser Betreuung gibt es nur 18 Wohnungen für Familien. Der Rest sind Einzelzimmer und die dürfen laut Gesetz mit bis zu drei Personen bewohnt werden.

„Ich versuche immer möglichst schnell die Familien aus den Zimmern in die Wohnungen zu vermitteln“, sagt Pencov. Er hofft, dass sich die Situation entspannt, wenn die Gemeinschaftsunterkunft erweitert wird. Familien mit schulpflichtigen Kindern kommen eher in Zentralunterkünfte, wo die Kinzur Schule gehen können. Da es in Neubrandenburg Kapazitäten gibt, kommen also auch viele Familien her, wofür die derzeitige Wohnungsstruktur aber nur bedingt geeignet ist.

Nordkurier-Neubrandenburg 6.7.2012
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